Schneeflockengenetik
Weiß W- vererbt sich epistatisch, das heißt, es überdeckt die Wirkung von vorhandenen Farbgenen ohne jedoch einen Platz an deren Genorten einzunehmen. (Im Gegensatz zu dominanten Genen, die das sehrwohl tun.)
Eine weiße Katze ist farbgenetisch also vielfältiger als nicht-weiße Katzen – und eine genetische Wundertüte obendrein, da es nicht immer mit Sicherheit möglich ist, von vornherein zu bestimmen, welche Farben sich unter dem weißen Deckmantel verstecken.
Albinos?
Die weiße Farbe bei reinweißen Katzen kommt im Gegensatz zur (mehr oder weniger weißen) Farbe bei Colourpoints dadurch zustande, dass in der Embryonalentwicklung keine Melanoblasten (die Vorläufer der pigmentproduzierenten Zellen, Melanozyten) in die Haut auswandern. Ausnahme ist der sogenannte “Genfleck” am Kopf, den man bei weißen Jungtieren beobachten kann. Hier lagen Neuralleiste, also der Ursprung und die Basalschicht der Epidermis, also ihr Zielort einfach nahe genug beisammen. Die meist normale Pigmentation der Augen bei weißen Katzen entsteht auf ähnliche Weise.
Bei den Colourpoints wandern sie an ihre rechtmäßigen Plätze, produzieren aber nur bei niedrigen Temperaturen (vorallem an den Körperextremitäten) ein funktionsfähiges, sprich gefärbtes Pigment.
Dies ist ein grundlegender Unterschied:
* Epistatisches Weiß: Keine Melanozyten in der Haut, deswegen auch kein Pigment.
Wirkung : Leuzismus. (Weiße Katzen sind damit keine Albinos!)
Erbgang: Epistatisch. (= überdeckend, bereits in heterozygoter, sprich mischerbiger Form)
* Colourpoint: Melanozyten sind, wo sie hingehören, die Produktion von Pigment (egal ob schwarzes Eumelanin oder rotes Phaeomelanin) funktioniert – wohl aufgrund einer Störung der betroffenen Enzyme – nur in einem kühleren Temperaturbereich als normal.
Wirkung : Albinismus.
Erbgang: Rezessiv. (= erst wenn das Tier homozygot, reinerbig auf diesem Lokus ist, sieht man eine eindeutige Genwirkung)
Ähnliche Gene
Das Scheckungsgen S- beeinflusst ebenfalls die Verteilung der Melanozyten in der Haut aber auf etwas andere Weise. Hier soll der Hinweis ausreichen, dass eine weiße Katze genetisch durchaus auch gescheckt sein kann, da diese Gene an einem anderen Ort codiert werden.
Der Vollständigkeit halber: Silber I- beeinflusst eigentlich nur die Produktion der Farbpigmente. Klar, silberne Katzen haben auch immer gefärbte Nasenspiegel bzw. kommen meist dunkler zur Welt als sie es später sind. Dies könnte aber auch damit zusammenhängen dass bei Silbernen die Melanozyten nachträglich absterben. So ein falsch produziertes Pigment kann unter Umständen recht giftig werden.
Hörfähigkeit
Was bisher nicht erwähnt wurde – Melanozyten sind weitaus mehr als nur Pigmentproduzenten, das sagt eigentlich schon ihre “noble Abstammung” aus der Familie der Nervenzellen.
Sie spielen auch eine Rolle an anderen Stellen des Körpers, z.B. gibt es bei Pferden eine Mutation, welche die Melanozyten aus dem Darm fernhält… mit tragischen Folgen für das betroffene Fohlen. Dies hat aber mit dem Weiß der Katzen glücklicherweise keine Gemeinsamkeiten.
Bei Katzen kommt – zumindest nach derzeitigem Stand der Erkenntnis – nur ein negativer Effekt der fehlenden Melanozyten hin und wieder zum Tragen. Sie werden nämlich auch im Innenohr für die Verarbeitung von akustischen Reizen gebraucht. Fehlen die Melanozyten, sterben die Haarzellen, welche die Reize aufnehmen ab und das eigentlich funktionierende Ohr steht im schlimmsten Fall plötzlich ohne Verbindung zum Gehirn da. So ganz genau sind diese Zusammenhänge allerdings noch nicht verstanden, so fehlt beispielsweise das Wissen um das oder die Gene, die hier eine Rolle spielen. Weiß heißt schließlich noch lange nicht taub!
BEAR-Test
Trotzdem, oder gerade weil man nicht sicher sagen kann, wann noch genügend Melanozyten im Ohr vorhanden sind, ist es wichtig in der Zucht eingesetzte Tiere audiometrisch auf ihre Hörfähigkeit testen zu lassen um gezielt nur vollständig hörende Tiere für die Zucht einzusetzen.
Ein einfaches “In die Hände klatschen” ist hierfür nicht ausreichend zumal Katzen derartig nahe Geräusche durchaus auch über die Tasthaare wahrnehmen können und weil man so auch nicht unterscheiden kann ob eine Katze nur einseitig taub ist, nur schwerhörend, einseitig schwerhörend usw.
Beim BEAR-Test wird gemessen ob die Töne eines Lautsprechers auch korrekt an das Gehirn weitergeleitet werden. Vereinfacht ausgedrückt. Eigentlich ist ist das Verfahren höchst spannend, würde hier jetzt aber ein wenig den Rahmen sprengen. Was man vielleicht wissen sollte, ist, dass das Tier hierfür in Narkose gelegt werden muss (nicht weil es schmerzhaft wäre, sondern weil man sicher gehen muss, dass keine anderen Sinnenreize gleichzeitig vom Gehirn verarbeitet werden) und dass es leider deswegen auch nicht wirklich preisgünstig ist.
Es bleibt aber der einzige Weg, gezielt auf hörfähige Tiere zu selektieren. Naturgemäß werden dafür auch die Nachkommen herangezogen (auch hörende Tiere können schwerhörige oder taube Kitten haben – es ist eine wertvolle Information, ob und wann das geschieht) und sollten noch beim Züchter auf ihre Hörfähigkeit untersucht werden, unabhängig davon ob Liebhaber- oder Zuchttier.
Da es sich um einen ungeklärten, höchstwahrscheinlich polygenen (also mit vielen beteiligten Genen) Erbgang handelt, ist es wichtig, in der Zucht nicht Weiß mit Weiß zu verpaaren. Homozygote W-W Tiere sind nämlich mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit taub und sollten deshalb züchterisch nicht angestrebt werden. Es wird also eine züchterische Tatsache bleiben, dass in der Weißzucht auch immer farbige Tiere geboren werden. Und dass blauäugige, weiße Tiere (die oft, aber noch lange nicht immer homozygot sind) eher die Seltenheit bleiben werden. Wen stört’s?
Foreign White
Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, weiße Katzen mit blauen Augen zu züchten. Bei dieser hat die blaue Augenfarbe genetisch nichts mit der weißen Fellfarbe zu tun – das Taubheitsrisiko steigt NICHT an!
Der “Trick” wurde eigentlich schon eingangs verraten – eine Kombination aus Colourpoint und epistatischem Weiß!
Blaue Augen: Colourpoint. Melanozytenverteilung wird nicht weiter beeinflusst.
Weißes Fell: Epistatisches Weiß. Mit BEAR-Test und gezielten Verpaarungen ist das Risiko für Gehörschaden zwar nicht aus der Welt (soviel Ehrlichkeit muss sein) aber immerhin minimiert.