Frühkastration

aus PETS / Cat Care Guide / Juli/August 2005
von Dr. Susan Little DVM, www.cathospitals.net
übersetzt aus dem Kanadischen von Serina Filler, www.pointilistic.com

Als Frühkastration bezeichnet man die Kastration bei Katern und Kätzinnen bereits vor dem allgemein üblichen Alter von sechs bis acht Monaten. Typischerweise finden diese frühen Operationen in einem Alter von acht bis 16 Wochen statt.

BKH frühkastriert

In Nordamerika wird die Frühkastration bereits seit mehr als 25 Jahren praktiziert. Die Aufmerksamkeit galt dabei vorallem Tierheim- und Fundkatzen vor einer Abgabe an neue Besitzer. Heute fragen aber auch Züchter von Rassekatzen immer öfter bei ihren Tierärzten nach, um Kitten, die als reine Liebhabertiere abgebeben werden sollen, vor der Abgabe kastrieren zu lassen. Diese Züchter möchten damit sichergehen, dass diese Jungtiere nicht zur Tragödie der Katzen-Überbevölkerung beitragen.

In den USA, so wird geschätzt, werden jährlich vier bis 15 Millionen gesunde Katzen eingeschläfert weil es kein zu Hause für sie gibt. Für Canada [Anm.: Die Autorin lebt und arbeitet in Ottawa. In Österreich ist dieser Grund zur Euthanasie per Tierschutzgesetz verboten, die Situation jedoch keinesfalls weniger dramatisch.] sind derzeit keine Zahlen verfügbar, das Problem dürfte aber hier nicht weniger beängstigende Ausmaße haben. In manchen Tierheimen werden zwischen 50 und 90% der Katzen euthanasiert, einfach weil sie niemand haben möchte.

Studien haben gezeigt, dass trotz ökonomischer Anreize wie Billig-Kastrationen viele Katzen und Hunde aus Tierheimen erst einen Wurf haben, bevor die Operation durchgeführt wird, so sie überhaupt durchgeführt wird. Kastrationsvorschriften der Tierheime werden sehr oft von den neuen Tierbesitzern nicht eingehalten, trotz bereits bei der Adoption mitbezahlten Operationskosten, guter Auswahl von potentiellen neuen Besitzern und Kastrationsverträgen.

Im Gegenzug werden dann ein Drittel der Katzen und Hunde in Tierheimen abgegeben weil sie aus ungewollten Würfen stammen. Die Frühkastration ist daher ein wertvolles Mittel im Kampf gegen die Überbevölkerung von Heimtieren und den nutzlosen Einsatz von Euthanasie bei gesunden aber heimatlosen Tieren.

Jene Menschen, die gegen das Zuviel an Katzen und Hunden in den USA arbeiteten, waren auch die Wegbereiter der Frühkastration. Die operative Unfruchtbarmachung ist die effektivste Maßnahme der Populationskontrolle, wird die Operation jedoch auf einen Zeitpunkt nach der sexuellen Reife gelegt, wird das eigentliche Ziel nicht erreicht. Obwohl Tierheime die Kastration verlangen, werden viele der adoptierten Hunde und Katzen niemals kastriert oder haben zumindest vorher einen Wurf.

Studien und Untermauerung

Viele berufsständige Organisationen – darunter die Canadian Veterinary Medical Association (CVMA), die Ontario Veterinary Medical Association (OVMA), die American Veterinary Medical Association (AVMA), die American Animal Hospital Association (AAHA) – haben Stellungnamen veröffentlicht, welche die Frühkastration befürworten. Viele Tierärzte sind nun über die Vorteile informiert und Umfragen bestätigen, dass die meisten Tierärzte die Kastration von Tierheimtieren bereits vor der Vergabe bevorzugen.

Allerdings ist es schon paradox, dass einer der ältesten und häufigsten Eingriffe bei Heimtieren auch einer, der am wenigsten untersuchten ist.
So existiert nur sehr wenig wissenschaftliches Datenmaterial, woraus sich das ideale Alter für die Kastration von Hunden und Katzen ableiten ließe.

In der Vergangenheit war für die Entscheidung, die Kastration in einem Alter von sechs bis acht Monaten vorzunehmm, vorallem ausschlaggebend, dass die Tierärzte sich bei der Operation und Anästhesie in dieser Altersgruppe am wohlsten fühlten. In einer Zeit, in der sichere Narkosetechniken bei Jungtieren noch nicht verfügbar waren, erhöhte ein höheres Alter auch die Sicherheit des Eingriffes.

Nachdem allerdings inzwischen viele Veterinäruniversitäten Training in pediatrischen Eingriffen anbieten, bessere Ausstattung zur Narkoseüberwachung verfügbar ist und Narkose- und Operationsrichtlinien auch für jüngere Patienten existieren, gibt es keinen Grund mehr, die Operation aufzuschieben, bis der Patient sechs bis acht Monate alt ist – zumal die Anzeichen zunehmen, dass es in ihrem besten Interesse ist, früher kastriert zu werden.

Selkirk Rex frühkastriertBis vor kurzem waren Tierärzte noch besorgt, die Frühkastration würde ihre Patienten für Komplikationen während und nach der Operation bzw. für gesundheitliche Probleme während ihres restlichen Lebens anfällig machen. Es haben aber verschiedene wissenschaftliche Studien gezeigt, dass diese Sorgen unbegründet sind.

Zum Beispiel wurde gezeigt, dass die Frühkastration von Katzen:
- nicht zu Kleinwüchsigkeit führt.
(Universität Florida, Studie von 1996)
- das Risiko zu Komplikationen während oder nach der OP/Narkose nicht erhöht.
(Universität Texas, Studien von 1997 und 2000)
- nicht zu ernsten Verhaltensproblemen bei Katzen führt.
(Cornell Universität, Studie von 2004 und Mercer Universität, Studie von 2001)
- nicht zur Entstehung von FLUTD (untere Harnwegserkrankung der Katzen) beiträgt.
(Universität Minnesota, Studie von 1996 und Universität Texas 2000)
- keine Fettleibigkeit verursacht.
(Universität Minnesota, Studie von 1996)

In Wahrheit hat eine groß angelegte Studie der Universität Cornell, in welcher 1600 von einer Organisation im Staat New York adoptierte Katzen über 11 Jahre verfolgt wurden, gezeigt, dass die frühkastrierte Katzen mit geringerem Risiko an bestimmten Gesundheitsproblemen litten als die im herkömmlichen Alter kastrierten Tiere. Dies betraf unter anderem Zahnfleischentzündungen, Asthma und Abszesse.
Die Studie schloss, dass die Frühkastration mehr Vorteile als Risiken birgt, insbesondere für Kater, bei denen weniger Urinmarkieren und Aggressionen beobachtet wurden.

Die Autoren dieser Studie, Dr. Victor Spain, Dr. Janet Scarlett und Dr. Katherine Houpt berichteten, dass die Kastration vor einem Alter von 5,5 Monaten “nicht mit erhöhten Todesraten oder dem Auftreten von jedweden ernsten Problemen der Gesundheit oder im Verhalten assoziiert war und möglicherweise für bestimmte positive Langzeiteffekte sorgt”. Die Autoren schlossen außerdem, dass “Tierärzte überlegen sollten, die Kastration von Katzen vor dem traditionellen Alter von sechst bis acht Monaten auch ihren privaten Kunden zu empfehlen”.

Sorgsamer Umgang

Für die Narkose und Operation von Kätzchen müssen bestimmte Richtlinien beachtet werden, da sie im Vergleich zu erwachsenen Tieren besondere Bedürfnisse haben. Die jungen Patienten sollten vor der Operation einer vollständigen klinischen Untersuchung unterzogen werden, geimpft und entwurmt sein. Ektoparasiten wie z.B. Flöhe oder Zecken sollten ebenfalls behandelt sein.

Kitten müssen sorgfältig gewogen werden, damit die korrekte Dosierung des Anästhetikums errechnet werden kann. Bestimmte Mittel sind besonders geeignet für die Narkose bei Patienten dieser Altersgruppe und die Information um diese ist Ihrem Tierarzt bereits zugänglich. Generell müssen Kätzchen, die jünger als 4 Monate sind, nicht sehr lange vor der Operation nüchtern bleiben, üblicherweise nur drei bis vier Stunden. Dies hilft, niedrigen Blutzucker (Hypoglycämie) bei den jungen Patienten zu vermeiden. Sie werden aus dem selben Grund auch bereits innerhalb der ersten Stunde nach der Operation ermutigt, einen Happen zu fressen.

Wenn die Kastration eines Wurfes für den selben Tag angesetzt ist, bleiben die Kätzchen vor der Operation zusammen in einem ruhigen Bereich. Die Trennung voneinander kann sonst zu Angst und Stress führen. So bald es nach der Operation möglich ist, wird der Wurf wieder vereint.

Während der Operation werden Vorkehrungen getroffen, damit die Körpertemperatur der Kätzchen nicht zu stark abfällt (Hypethermie). Generell können die Kätzchen noch am selben Tag wieder entlassen werden. Tierärzte, die diese Eingriffe vornehmen, sagen, dass die Operations- und Erholungszeiten kürzer und lockerer sind als bei älteren Tieren.

Selkirk Rex straight frühkastriert

Breite Akzeptanz

Je mehr wir über die Vorteile er Frühkastration von Katzen herausfinden, desto verbreiteter dürfte sie auch werden. Obwohl sie hauptsächlich bei Kätzchen aus Tierheimen und Tierrettungsorganisationen eingesetzt wird, die vor der Adoption kastriert werden, könnte es auch von Vorteil sein, private Heimtierhalter zu einer frühen anstatt einer späten Kastration zu ermutigen.

Zum Beispiel sind zu dem Zeitpunkt, da die Impfungen sorgfältig durchgeführt wurden, Würmer und etwaige andere Parasiten behandelt sind, die meisten Kätzchen 12 Wochen oder etwas älter. Es wäre also vernünftig, die Kastration für einen Zeitpunkt innerhalb der nächsten Wochen anzusetzen anstatt noch sechs Monate zu warten, wie das oft der Fall ist. So kann das Kätzchen von den Vorteilen der früheren Kastration profitieren und das Risiko eines ungewollten Wurfes vermieden werden – vorallem wenn man bedenkt, dass manche Katzen bereits in einem Alter von 4 Monaten sexuell aktiv werden.

Anmerkungen:

Obwohl man immer wieder auf mal milderes, mal heftigeres Unverständnis stößt, wenn man sich zur Frühkastration von Kitten entscheidet, scheint es doch, als gäbe es zwar viele Argumente dafür, jedoch kein einziges medizinisch begründetes Argument dagegen.

Die – ich gestehe, mir selbst anfangs nicht fremde – Beklommenheit, wenn es um den Gedanken von “Babies am OP-Tisch” geht, entbehrt jedoch jeder medizinischen Begründung, wie Sie oben lesen konnten, ist genau das Gegenteil der Fall.

Eine Kastration ist und bleibt natürlich ein Eingriff in das Leben und die Physiologie eines Tieres. Allerdings ein Eingriff, der mit einer vielfach längeren Lebenserwartung, einer stabileren Gesundheit und auch vielen Annehmlichkeiten für den Besitzer einhergeht. (Wer einmal mit einem singenden, markierenden Kater oder einer dauerrolligen Katze gelebt hat, wird hier nur zustimmend nicken können.) Es sollte für jeden Katzenbesitzer inzwischen selbstverständlich sein, seinen Liebling kastrieren zu lassen.

Insbesondere möchte ich auch betonen, dass ich die schnellere Erholung und Wundheilung bei Jungtieren nur bestätigen kann. Der Eingriff selbst ist selbst in Relation zur Körpergröße kleiner, da auch die betreffenden Organe im jungen Alter meist noch winzig und viel spärlicher durchblutet (= geringeres Blutungsrisiko) sind als später.

Hier ein Auszug aus einem Artikel in VetImpulse18/8 vom 15. April 2009:

Relativ hartnäckig hält sich das Gerücht, frühkastrierte Kater würde keinen schönen “Katerkopf” bekommen. Nun… Kater, die einen Katerkopf nur während ihrer Potenz haben, werden diesen auch nach der Kastration – und zwar unabhängig davon, wann der Eingriff durchgeführt wird – wieder verlieren. Was häufiger erhalten bleibt, sind Verhaltensauffälligkeiten, wenn z.B. Harnmarkieren oder aggressive Territoriumsverteidigung bereits zur Gewohnheit geworden sind.
Bei den anderen – also jenen Katern, die bereits rasse- oder zumindest vorfahrenbedingt einen tollen Kopf haben, ändert auch die (frühe) Kastration nichts daran. Diese Dinge werden vererbt.

Danubio frühkastriert

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